Ein Läufer gibt nicht einfach auf, nur weil die Muskeln brennen und alles in ihm sagt: Es reicht. Er weiß, warum er unterwegs ist – und genau dieses Ziel trägt ihn weiter. Ob es der Weg durch die Hitze ist oder der mühsame Anstieg auf einen steilen Felsgrat – er läuft weiter, Schritt für Schritt. Diese Ausdauer brauchen wir auch in unseren interkulturellen Beziehungen. Hier ist Durchhalten angesagt – mit dem Ziel, betend dranzubleiben und ein Zeugnis für Jesus zu sein, ein Zeugnis davon, dass das Reich Gottes gekommen ist, auch wenn unser eigener Rhythmus durch kulturelle Unterschiede, Missverständnisse und unsere Ungeduld ins Stolpern gerät.
Wenn die Sehnsucht nach Flucht ruft
Doch gerade wenn das Durchhalten schwerfällt, will ich an einen einsamen Ort flüchten. Eine Insel oder eine kleine Hütte im Nirgendwo, umgeben von Gottes wunderschöner Schöpfung – nur ich mit meiner Nähmaschine und meiner Ukulele. Solche Gedanken kommen, wenn interkulturelle Beziehungen mich belasten, erdrücken und mir regelrecht Bauchschmerzen bereiten. Wenn Missverständnisse und unterschiedliche Erwartungen aufeinanderprallen, scheint Wegrennen einfacher als Dranbleiben. Geht es dir ähnlich?
Durchhalten angesagt
In Timor-Leste arbeite ich mit Menschen vieler Kulturen zusammen: Timoresen, Brasilianern, Schweizern, Indonesiern, Koreanern und Fidschianern. Da Englisch für kaum jemanden Muttersprache ist, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Das Verständnis von Arbeit, Teamwork und Zeitmanagement ist verschieden geprägt – was zu Konflikten und Verurteilungen führen kann.
Oft bin ich enttäuscht, wenn ich nur durch die Schablone der „Deutschen“ wahrgenommen werde. Doch wie „deutsch“ bin ich nach sieben Jahren hier überhaupt noch? Ich erlebe eine hybride Identität: Für mein Team bleibe ich die Deutsche, doch innerlich bin ich dieser festen Zuschreibung längst entwachsen. Manchmal fühle ich mich zwischen den Stühlen – nicht mehr ganz hier und doch auch nicht mehr dort. Vertrautes ist fremd geworden, und das Fremde ist mir zugleich vertraut. Diese Erkenntnis hilft mir, Erwartungen loszulassen. Der Dienst für Jesus ist geprägt von Begegnungen. Die Aussicht, dass wir eines Tages alle gemeinsam Gott anbeten werden, schenkt mir Kraft. Jesus hilft mir immer wieder neu, in schwierigen Beziehungen zu bleiben, statt zu fliehen. Er erinnert mich daran, dass es wichtiger ist, die anderen Kulturen zu verstehen, als selbst verstanden zu werden.
Reich beschenkt im Schmerz
Gott ist es, der alle Kulturen kennt und Herzen verändert. Trotz aller Tränen und innerem Ringen bin ich dankbar für das Privileg, so viele Menschen kennenzulernen. Es sind kostbare Schätze, die man nicht mit Händen greifen kann: Eine tiefere Demut, ein weites Herz für das Fremde und die Gewissheit, dass Gottes Liebe keine kulturellen Grenzen kennt. Mitten im Schmerz wird mir dieser innere Reichtum geschenkt. Darum lohnt es sich, dranzubleiben – auch wenn der einsame Inseltraum noch so verlockend scheint.
Rahel Hämmerling arbeitet seit 2018 in Timor-Leste mit Kindern und Jugendlichen.
Sie liebt es, zu nähen und Gottes wunderschöne Natur zu erkunden.