Ehe ist toll – aber nichts für schwache Nerven. Gegenseitige Unterstützung gehört dazu, doch Missverständnisse und Konflikte bleiben selbst in den besten Beziehungen nicht aus. Das gilt umso mehr, wenn eine Ehe verschiedene Kulturen vereint – in unserem Fall Deutschland, die Niederlande und Südafrika. Wer meint, zwischen Deutschland und den Niederlanden gäbe es kaum Unterschiede, sollte ein Fußball-Länderspiel besuchen… Noch deutlicher sind jedoch die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Südafrika.
„Rasse“ ist in Südafrika historisch bedingt bis heute ein gesellschaftlich relevantes Thema – und betrifft auch die Ehe. Unsere Beziehung wäre hier vor einigen Jahrzehnten noch gesetzlich verboten gewesen. Sandra gehört zur ethnischen Gruppe der Farbigen. Vor unserer Hochzeit sagte ein Fremder zu ihr: „Da hast du einen Glücksgriff getan!“ Ich (René) bin überzeugt, dass ICH der Glückliche bin, doch manche betrachten die Ehe mit einem weißen Europäer als Ticket in ein besseres Leben. White privilege ist weiterhin Realität. Auch in Deutschland fielen wir auf: Im beschaulichen Lennep meinte jemand zu Sandra, ihre Anwesenheit „bringe ganz Europa durcheinander“.
Mit Unterschieden leben
Uns war stets wichtig, die Kultur des anderen wirklich zu verstehen. Wir haben in Deutschland, den Niederlanden und Südafrika gelebt und konnten jeweilige Eigenheiten intensiv erleben. Dazu gehörte auch, die Sprache des anderen zu lernen. In unserem ersten Ehejahr sprachen wir ausschließlich Deutsch. Streit gab es kaum – Sandra fehlte schlicht das Vokabular. Sie lernte allerdings schnell dazu…
Deutliche Unterschiede zeigen sich auch im Verständnis von Familie. Sandra und ihre Verwandtschaft sind laut, tanzen und lachen viel; meine Familie ist eher ruhig und ernsthaft. In meinem traditionell deutschen Verständnis steht die Kernfamilie im Vordergrund. In Südafrika ist der Familienbegriff weit gefasst: ein großes Netzwerk aus Geschwistern, Halbgeschwistern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen – oft unabhängig von Blutsverwandtschaft. Da gibt es immer jemanden, der gerade in Not ist. Von jungen Erwachsenen wird erwartet, dass sie die Eltern finanziell unterstützen oder zur Ausbildung jüngerer Geschwister beitragen. Schnell entsteht ein Erwartungsdruck – auch gegenüber dem Ehepartner.
Uns war es daher wichtig, offen über kulturelle Erwartungen zu sprechen und gemeinsame Lösungen zu finden – so, dass sich niemand abgelehnt oder missverstanden fühlt.
Kokosnuss und Litchi
Wir haben die Kultur des anderen bewusst angenommen. Sandra wurde manchmal als „deutscher als die Deutschen“ oder „Kokosnuss – außen braun, innen weiß“ bezeichnet. Mir sagte man nach, ich sei eine „Litchi“: weißes Fruchtfleisch, brauner Kern. Humorvoll gemeint, steckt dahinter oft Unverständnis dafür, dass uns die Kultur des Partners geprägt hat.
Für uns ist eine interkulturelle Ehe vor allem eines: eine große Bereicherung. Sie eröffnet neue Perspektiven, bringt kulturellen Reichtum – und macht einfach Spaß!
Sandra und René sind seit 23 Jahren verheiratet, haben drei Kinder und leben mit viel Freude in Manenberg, einem berüchtigten Township in Kapstadt, Südafrika.