Lernen im eigenen Rhythmus
„Mama, ich habe in der Bibel etwas angefangen zu lesen, aber ich komme irgendwie nicht vorwärts. Können wir nicht eine Bibellesezeit in den Schulalltag einbauen?“
Das war vor Kurzem das Anliegen unseres Fünftklässlers. Nach 18 Monaten Homeschooling (Unterricht zu Hause) scheint er begriffen zu haben, dass unser Stundenplan flexibel genug für solche Wünsche ist. Als Mutter freut es mich sehr zu sehen, wie unsere Kinder geistliche Grundsätze in ihren Alltag integrieren. Und als Lehrerin nutze ich die Freiheiten, die unsere Situation mit sich bringt.
Lehrerin, Lernende und Mutter
Lehrerin für meine eigenen Kinder zu sein, bereitet mir große Freude. Da ich zuvor in Deutschland als Lehrerin gearbeitet habe, verfüge ich sowohl über Ideen als auch über Materialien für den Unterricht zu Hause. So fällt mir diese Aufgabe nicht allzu schwer. Es ist schön zu erleben, wie die Kinder lernen, entdecken und wachsen – und ich selbst lerne dabei unglaublich viel.
Wie viele andere unterrichtende Mütter genieße ich die intensive Zeit mit meinen Kindern. Ich weiß, was sie bewegt. Die Fragen, die auf Autofahrten auftauchen, werden nicht selten zum Thema der folgenden Unterrichtswoche. So vertiefen wir Lerninhalte und gleichzeitig auch unsere Beziehung.
Natürlich ist es nicht immer leicht, die eigenen Kinder zum Lernen zu motivieren. Bei einer „echten“ Lehrerin würden sie sich vermutlich weniger gehen lassen, weniger jammern und sich eher „durchbeißen“.
Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich meinen Kindern auch Klavierunterricht geben würde. Das lehne ich dankend ab. In unserer Familie bin ich bereits Schule, Kindergarten und Sonntagsschule in einer Person. Auch noch die Musikschule zu übernehmen, würde unsere Beziehung eher belasten – denn die Grenzen zwischen den Rollen verschwimmen. Schließlich bin ich vor allem ihre Mutter.
Die Kehrseite der Freiheit
Gerade aus dieser Perspektive sehe ich auch die Schattenseiten des Homeschoolings. Kinder im Homeschooling sind mitunter sehr einsam. Das wussten wir theoretisch, doch in der Realität trifft es uns manchmal tief. In der Schule lernen Kinder nicht nur, sie sind dort ganz selbstverständlich mit anderen Kindern zusammen und schließen Freundschaften. Das ist unseren Kindern derzeit kaum möglich, da die einheimischen Kinder oft erst am späten Nachmittag aus der Schule kommen.
Unser mittleres Kind ist sehr kontaktfreudig. Es blüht regelrecht auf, wenn einmal andere Kinder zum Fußballspielen vorbeikommen. Ohne soziale Kontakte wird es auf Dauer nicht glücklich sein. Spielplätze, Sportvereine oder andere Angebote für Kinder gibt es in unserem Tal nicht.
Eine Stunde Schule – eine ganze Woche Hoffnung
Umso dankbarer sind wir für eine Sondergenehmigung des Schulleiters: Einmal pro Woche besuchen unsere Kinder den Bio-Unterricht beim „coolsten Lehrer“ der Dorfschule. In dieser einen Stunde entstehen keine Freundschaften – und doch ist sie DAS Ereignis ihrer Woche. Danach kommen zwei Kinder nach Hause, strahlend, in Schuluniform, bereit für eine weitere flexible – und einsame – Lernwoche mit ihrer Mama.
Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Asien. Sie liebt „Was ist Was”-Bücher und ist stets auf der Suche nach guten Schreibwarenläden.
Foto: Symbolbild