Es braucht ein Dorf

Annedore vor dem BCS Privat
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Es ist Sonntagmorgen, 10 Uhr, im Gottesdienst der Missionarskinderschule im Senegal. Um mich herum stehen Kinder und Jugendliche zwischen ca. sechs und sechzehn Jahren, singen begeistert Lobpreislieder und beten mit. Von außen wirkt alles wie eine perfekte Welt: Missionarskinder voller Glauben. Doch schon kurz nach meiner Ankunft als Dormhelper (Mitverantwortliche für eine Kindergruppe, die sich einen Schlafsaal teilt) merkte ich, dass sich hinter diesem ersten Eindruck mehr verbarg. Der Junge neben mir kämpfte mit großen Zweifeln an Gott. Ein anderes Kind hatte Angst vor der Rückkehr ins Heimatland und davor, dort nicht dazuzugehören. Es waren echte Kinder mit echten Fragen und echten Problemen.  

Mehr als nur Eltern  
Heute, zwischen Windeln wechseln, Babys ins Bett bringen und Töpfchentraining kann ich mir manchmal kaum noch vorstellen, wie es war, mit 18 Jahren als Single ein FSJ an dieser Missionarskinderschule zu machen. Und doch hat mich diese Zeit bis heute geprägt. Als Mama merke ich immer mehr: Kinder sollten nicht nur von ihren Eltern allein begleitet werden. “Es braucht ein Dorf”, wie ein afrikanisches Sprichwort sagt. Es braucht Menschen, die Kinder zusätzlich prägen, inspirieren und manchmal Rollen ausfüllen, die Eltern nicht übernehmen können. 

Meine eigenen Begleiter 
Genau solche Begleiter hatte ich selbst als Kind. Ich bin in einer interkulturellen Bibelschule in Holland aufgewachsen. Um mich herum lebten Studenten und junge Erwachsene aus aller Welt, die sich auf Mission vorbereiteten. Viele von ihnen hatten einen lebendigen Glauben, der mich tief beeindruckte. Einige leiteten später auch die Teenagergruppe, in der ich war. Ich konnte beobachten, Fragen stellen und mir vieles einfach „abschauen“. Sie haben mir geholfen, unabhängig von meinen Eltern meinen eigenen Glauben zu finden – und vielleicht war genau das wichtig.   

Vertrauen und Begleitung 
Als ich später dann Dormhelper wurde, erinnerte mich vieles an meine eigene Kindheit. Die Internatsschüler lebten dort wie in einer großen Familie mit Dormparents und uns Dormhelpern als unterstützende Begleiter. Ich war mit 18 noch nah an der Lebenswelt der Mädchen dran. Gerade dadurch entstand oft Vertrauen.  

Ich merkte, dass die Kinder sich dem vorgelebten Glauben der Umgebung anpassten. Oft war das auch echt und authentisch! Manchmal spürte ich aber auch eine tiefe Sehnsucht nach einem eigenen Glauben. Als Missionarskind (MK) verstand ich diese Spannung sehr gut. Vielleicht konnten die Mädchen mir deshalb Dinge anvertrauen, die sie ihren Eltern nicht erzählt hätten. 

Mein Wunsch heute 
Heute wünsche ich mir für meine eigenen Kinder ebenfalls solche Begleiter: Menschen außerhalb unserer Familie, die ihren Glauben authentisch leben und meinen Kindern helfen, ihren eigenen Weg mit Gott zu finden. 

Annedore Bratcher ist Missionarskind, verheiratet mit dem besten Mann der Welt und rockt den Alltag mit zwei kleinen Kindern.

Foto: privat