Woher kommen unsere Unterschiede?
Immer wieder frage ich mich, welche unserer Unterschiede aus unseren Herkunftskulturen stammen, welche aus den Familien, in denen wir aufgewachsen sind, und welche einfach zu unseren Charakteren gehören. Diese Fragen bewegen mich besonders, weil ich Deutsche bin, mein Mann aus Lateinamerika stammt und wir gemeinsam mit unserer Tochter in Südasien leben – also in einer dritten Kultur, die uns beide noch einmal prägt.
Kulturelle Prägungen
Natürlich tragen wir beide einige typische Merkmale unserer jeweiligen Herkunftskulturen in uns. Ich denke gern voraus, plane gewissenhaft, arbeite mit Listen und fühle mich wohler, wenn Themen wie Krankenversicherung oder Altersvorsorge geregelt sind. Und was Geld angeht, spare ich gern für alles Mögliche.
Mein Mann dagegen lebt mehr im Hier und Jetzt. Wenn er Geld hat, gibt er es aus, wenn er keins hat, dann betet er halt dafür – Gott ist ja schließlich unser Versorger, nicht wahr? Eine Krankenversicherung hatte er bis zu unserer Hochzeit nie, und in seinem Heimatland ist eine staatliche Rente kaum üblich. Dort unterstützen die Kinder traditionell ihre Eltern im Alter – eine Vorstellung, die er nicht vollständig teilt und unserer Tochter nicht auferlegen möchte. Wenn etwas nicht funktioniert, findet er meist eine pragmatische, kreative Lösung. Und er wundert sich regelmäßig darüber, dass die Deutschen für fast alles eine Maschine besitzen, aber dann nicht wissen, wie sie ihre Wäsche waschen sollen, wenn die Waschmaschine mal streikt.
Deutschland wäre für ihn kein dauerhaftes Zuhause. Ihm fehlen dort Spontaneität und lebendige Straßen, der offene Austausch mit Fremden und die gegenseitige Hilfsbereitschaft. Auch empfindet er deutsche Familien als sehr individualistisch. In seiner Kultur steht die Großfamilie im Zentrum: Man sieht sich oft, unterstützt sich selbstverständlich, und mein Problem ist das von uns allen.
Persönliche Nuancen jenseits der Kultur
Gleichzeitig entsprechen wir nicht einfach den Klischees unserer Herkunftsländer. Mein Mann ist verlässlicher als viele Menschen aus seiner Kultur, und ich kann mich mit dem Leben in Südasien oft erstaunlich gut arrangieren – manchmal sogar besser als er. Unsere Unterschiede lassen sich also nicht nur auf Kultur oder Familie reduzieren; manches ist schlicht persönliches Temperament.
Unser eigenes Familienmosaik
Natürlich erfordert unsere interkulturelle Ehe manchmal mehr gegenseitiges Verständnis und Anpassung. Dennoch empfinde ich es als Bereicherung, dass wir unserer Tochter aus beiden Kulturen das Schönste vermitteln können. So ist unsere Familienkultur ein bunter Mix – und sicher mischt sich auch ein wenig der südasiatischen Umgebung hinein.
Wir leben zwischen drei Ländern. Doch am Ende gilt für uns:
„Denn unsere Heimat ist im Himmel.“ (Philipper 3,20)
Janina (Name geändert) lebt seit sechs Jahren in Südasien und ist seit drei Jahren verheiratet. Sie und ihr Mann haben eine Tochter.